2017

Thema:

Mensch begegnet Natur. 

Psychotoperfahrungen als Initiator für identitätsbildende Prozesse. 

1.  Situationsbeschreibung

 

Die soziokulturellen Errungenschaften des (post)industriellen Zeitalters sind angesichts ihrer existenzbedrohenden Auswirkungen für die Natur, uns Menschen als Teil dieser Natur, und die Qualität des Mensch-Natur-Verhältnisses, teuer erkauft worden.

Es ist deutlich erkennbar, dass ein Ungleichgewicht herrscht zwischen dem menschlichen Drang nach maßloser Erzeugung und Akkumulation materieller Güter gegenüber einem nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde.

 

Dieses Ungleichgewicht macht deutlich, dass sich im Zuge des technologischen und industriellen Fortschritts die Beziehung zwischen Mensch und Natur zusehends zu einem unüberbrückbar scheinenden distanzierten und entfremdeten Verhältnis entwickelt hat. 

Der entscheidende Grund für dieses entfremdete Verhältnis liegt darin, dass der Hauptteil der Menschen nicht begreift, dass der Mensch selbst Teil der Natur ist, und dass, indem er sich von der Natur entfremdet, er sich dadurch auch von seinem inneren Selbst entfremdet.  

 

Statt sich und die Natur als Einheit wahrzunehmen, wird die Natur von den meisten Menschen als ein separater Lebensbereich betrachtet, der von uns Menschen gestaltet werden darf, und das bedeutet in einer Gesellschaft, die auf kapitalistischen Wertmaßstäben beruht, in aller Regel umwälzende Umstrukturierungen und Ausbeutung zu maximalen Profitzwecken.

 

Neuere Studien (u.a. Jugendreport Natur, Ulrich Gebhard, Richard Louv) belegen die Entwicklung dieses Abspaltungs- bzw. Entfremdungsprozesses bei Heranwachsenden und zeigen weitere begleitende Ursachen bzw. Begleiterscheinungen auf, die zusammenfassend mit mangelndem und theorielastigen bzw. erfahrungsfremdem Naturwissen oder Umweltbewusstsein und in durch Naturkontaktmangel heraufbeschworenen Entwicklungsdefiziten der Kinder umschrieben werden können.

 

Im Einzelnen sind zu nennen:

 

  • Eindimensionale Alternativen heutiger Handlungsräume wie zusammenhanglose Spielflächen mit vorgefertigtem Spielmaterial
  • Bevorzugung einer wohlgeordneten statt wilden Natur 
  • mangelnde Verwurzelung in vertrauter Landschaft
  • Einschränkungen der Bewegungsfreiheit durch Verbote und hochgespielte Ängste vor Naturgefahren seitens überambitionierter und -beschützender Eltern
  • zunehmende Abschottung wohlhabender Wohnbezirke 
  • mangelnder Einblick in die Herkunft der Lebensmittel (gerade in Städten) 
  • Förderung von theoretischem Wissen über die Natur zulasten eines Praxisbezuges   
  • Entspiritualisierung des Bildes von der Natur (Natur als Gefahr) und gleichzeitige Stilisierung zu einer von dem Menschen isolierten, eigenen, heilen, verklärten Märchenwelt mit Bambis ("Bambisyndrom") und Feen 
  • Diktat von Terminplänen statt selbstbestimmter Entfaltung 
  • Cyberwelten auf Knopfdruck
  • einseitige Ansprache der Fernsinne und sportlichen Fähigkeiten 

 

 

2.  Der Mensch als Beziehungswesen. 

     Der Aspekt der Begegnung und die Kunst des Sich- Einlassens

 

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung." 

"Der Mensch wird erst am (konkreten) Du zum (konkreten) Ich“   

  - Martin Buber; Religionsphilosoph - 

 

Laut Buber erfahren wir die Welt als ein selbständiges, abgerücktes Gegenüber, weil wir uns im Laufe der Menschheitsgeschichte zunehmend von ihr abgetrennt haben. 

 

Buber sieht zwei Möglichkeiten, wie wir uns zur Welt verhalten können: 

Wir können sie als distanzierte Umgebung belassen oder zu ihr in Beziehung treten. 

Belassen wir die Welt aber in der Distanz, ohne mit ihr in einen Dialog zu treten, behandeln wir sie wie ein Objekt. 

Sie wird zum bloßen Material, das wir analysieren, vermessen, wägen, klassifizieren und instrumentalisieren können.

Dazu sind wir ursprünglich aber nicht geschaffen; 

Denn wir Menschen sind Beziehungswesen und daher dialogisch konzipiert: Wir lernen auf dialoghafte Weise und sind darauf ausgerichtet, mit der Welt in einen Dialog zu treten.

 

Der autonome Mensch wäre dann schlussfolgernd der dialogische, der beziehungsfähige Mensch, der nicht aus Angst vor dem Du jede vertraute Nähe meidet. 

 

 

Es sind die konkreten, realen Begegnungen, die den Grundstein fürs Vertrautwerden mit uns selbst und unserer Umwelt legen, und die uns Lernerfahrungen wie Sinnfindung, Selbstwirksamkeit, Resilienz (Widerstandsfähigkeit), Liebe und Verantwortungsübernahme ermöglichen.

 

Durch den herrschenden (westlichen) Egokult und die zunehmende Pluralität, Komplexität und Undurchschaubarkeit moderner gesellschaftlichen Strukturen wird die Fähigkeit zu einer gesunden Beziehungsaufnahme und die tiefe Öffnung hin zu anderen und anderem erheblich erschwert.

Lebenswichtige Aspekte wie Selbstfindung, Selbstgestaltung und Selbstsorge geraten ins Hintertreffen.

 

Diese ist eine sehr tragische Situation. Denn nur dann, wenn wir uns in einem konkreten, realen Beziehungsakt anderen und anderem gegenüber öffnen, ist die Möglichkeit gegeben, dass sich Begegnung ereignen und sich emotionale Werte entwickeln können.

Auf diese Weise erst entsteht eine gesunde Form von Liebe, die wiederum Basis ist für ein Engagement für das konkrete Du, z.B. für die Natur (Bsp. Naturschutz).

 

Buber schien das ähnlich zu sehen. Er schrieb:

"Liebe ist die Verantwortung eines Ich für ein Du.

Hierin besteht, die in keinerlei Gefühl [allein] bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden."

 

Oder, um das Kapitel mit einem Zitat des Verhaltensforschers Konrad Lorenz zu schließen: 

„Man liebt nur, was man kennt, und man schützt nur, was  man liebt.“ 

 

 

 

3.  Psychotoperfahrungen

 

Sozial- und Geisteswissenschaftler nehmen, wenn über die Distanzierung bzw. Entfremdung des Menschen von der Natur gesprochen wird, gern den Begriff Psychotop in den Fokus, der den Menschen in seiner Rolle als Beziehungswesen hervorhebt und darauf abzielt, die Beziehungsebene des Menschen zu seinem Umfeld, und somit auch zur Natur, zu beleuchten.

 

Kurz gefasst kann man Psychotope als Orte bezeichnen, an denen die menschliche Psyche wichtige Erfahrungen sammeln kann. Orte also, die Erfahrungen mit der Natur ermöglichen, welche für die seelische Gesundheit elementar sind.

 

Wenn man es mit dem Begriff noch genauer nehmen will, kann man sagen, dass der Begriff Psychotop im Kontext Mensch-Natur-Verhältnis die Konkretisierung einer momentanen, individuellen Naturbeziehung mit zwei eigenständigen Akteuren umfasst: 

den seelischen Zustand und Prozess des Menschen sowie die Eigenschaften und Botschaften eines bestimmten Ortes zu einer bestimmten Zeit, die zueinander in Beziehung treten. 

 

Psychotoperfahrungen fördern die menschliche Selbstwirksamkeit (eine durch Lernerfahrungen gewonnene stabile Überzeugung eines Menschen über sich selbst). Selbstwirksamkeit ist ein bedeutender Faktor, der Menschen psychisch gesund sein lässt. 

 

Eine Unterbindung von Selbstwirksamkeitserfahrungen in der Kindheit führt z.B. zu einer Entwicklung, die eine Disposition für Depressionen begünstigt.

 

Es sind allerdings nicht die bloßen Aufenthalte in der Natur, die Naturnähe schaffen (Bsp.: Pokemon-go-Spiel) und auch nicht das in der Schule erlernte Theoriewissen allein, sondern die aktive Auseinandersetzung mit der Natur, die dem Menschen die Chance zu einer zutiefst persönlichen und intimen Erfahrung in der Natur schenkt: Als Einzelwesen in die Welt gestellt zu sein, im Kontakt mit „Wildheit“, der Selbstwirksamkeit fördert.

Selbstwirksamkeit reguliert in positiver Hinsicht unser Selbstkonzept, indem sie unser Vertrauen in uns stärkt und das Selbstwertgefühl fördert.

(Bsp.: Wandern im Wald ohne Orientierungshilfen fördert das Vertrauen in uns selbst, natürliche Hindernisse bewältigen zu können).  

 

Je selbstwirksamer Mensch wird, desto mehr ist er in der Lage, sein Leben in die Hand zu nehmen und auch schwierige Situationen zu bewältigen.

Das Eingehen einer Beziehung mit der Natur setzt dabei den Willen des Menschen an seine Eigentätigkeit voraus, mit all seinen bisher gemachten Lebenserfahrungen seiner Umwelt bzw. Natur, aktiv und intensiv in eine authentische Beziehung zu treten und sich bedingungslos auf spontane Ereignisse (z.B. plötzliches Einsetzen von Regen oder Hagel) und ohne Scheuklappen (ich nehme Müll wahr, der im Wald liegt und hebe ihn auf statt ihn zu ignorieren), mit all seinen Sinnen, auf sie einzulassen. 

 

Indem Mensch sie dadurch vorbehaltlos erfährt, lernt er die Natur intensiv kennen und erfährt dadurch, indem er seine gemachten Lebenserfahrungen mit einbringt, viel über sich selbst und sein eigenes Leben, kann erfahrene Traumata besser verarbeiten.

 

Solche Erfahrungen haben viel mit dem Lebensverlauf gemein. Mehr noch - sie beeinflussen unbewusst den biographischen Prozess und wirken insofern identitätsbildend:

Das stete Vorankommen und die mitunter sehr langsame, aber unaufhaltsame Veränderung der Umgebung beim Wandern in den Bergen beispielsweise, und die ständige Re-Konstruktion der eigenen Persönlichkeit und Umwelt durch das Abgleichen unserer Umgebung bzw. der betrachteten Umweltausschnitte mit bereits erfahrenen Bildern und Gefühlen; dem Kennenlernen der Grenzen des menschlichen Lebens, seiner zeitlichen Begrenzung, der plötzlichen Abbrüche.

 

 

 

Wenn wir also intensive Psychotoperfahrungen in der Natur, im Sinne einer Begegnung auf Augenhöhe, als wertvolle Chance erkennen und nutzen, um ein langfristiges Wohlergehen sowohl für jeden einzelnen von uns als auch für unsere gesamte Mit- und Umwelt zu erreichen, ... dann ist ein großer, gemeinsamer Schritt in Richtung eines ökologisches Bewusstseins und einer ökologischen Nachhaltigkeit getan.

  

 

 

4.  Zitate

 

Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern. 

Die Bäume und Steine werden dich Dinge lehren, 

die dir kein Mensch sagen kann. 

 

BERNHARDT VON CLAIRVAUX (1090-1153)

mittelalterlicher Abt, Kreuzzugsprediger und Mystiker

 

 

Ich bin das Land, 

meine Augen sind der Himmel, 

meine Glieder die Bäume. 

 

Ich bin der Fels, die Wassertiefe. 

 

Ich bin nicht hier, 

um die Natur zu beherrschen 

oder sie auszubeuten. 

 

Ich bin selbst Natur. 

 

WEISHEIT DER HOPI-INDIANER

 

  

Wo beginnen wir nun, uns selbst zu verstehen? 

Hier bin ich, und wie soll ich mich beobachten, 

wie soll ich erkennen, was tatsächlich in mir vor sich geht? 

Ich kann mich nur in Beziehungen zu anderen wahrnehmen, 

weil alles Leben Beziehung ist. 

 

Es hat keinen Sinn, in einer Ecke zu sitzen und über sich selbst zu meditieren. Ich kann nicht für mich allein bestehen. 

 

Ich existiere nur in Beziehungen zu Menschen, Dingen und Ideen, 

und indem ich meine Beziehungen zu den äußeren Dingen untersuche, fange ich mich an zu verstehen.

 

Aus: Einbruch in die Freiheit

 

JIDDU KRISHNAMURTI (1895-1986)

indischer Philosoph, Autor, Theosoph und spiritueller Lehrer

 

 

Die wahre Gemeinde entsteht nicht dadurch, dass Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: dass sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen, und dass sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen. 

Das zweite entspringt aus dem ersten, ist aber noch nicht mit ihm allein gegeben. 

Lebendig gegenseitige Beziehung schließt Gefühle ein, aber sie stammt nicht von ihnen. 

Die Gemeinde baut sich aus der lebendig gegenseitigen Beziehung auf, aber der Baumeister ist die lebendige wirkende Mitte.

 

Aus: Das Dialogische Prinzip.

 

[Darüber, was (Liebes-) Beziehungen ausmacht.]

MARTIN BUBER (1878-1965) 

Religionsphilosoph

 

 

 

5. Mein Wanderbericht vom 12.07.2014 

 

"[...] Die Natur intensiv zu erleben und in sich spüren zu können, das bringt einen unglaublich heilsamen Bewusstwerdungsprozess in Gang, der sehr viel positive Energie freizusetzen vermag.

 

Das ist mir eines Tages deutlich bewusst geworden, als ich nach stundenlanger, mühevoller Bewältigung der vielen engen Serpentinen bis ganz nach oben auf den Berg mit einem phänomenalen Ausblick aufs Tal belohnt wurde, den ich niemals vergessen würde.

 

Der Weg dorthin war alles andere als einfach zu bewerkstelligen, wenngleich ich mittlerweile recht geübt war, doch die Hoffnung auf eine schöne Aussicht und die vielen wunderbaren Entdeckungen auf meinem Weg, wie die Sichtung einer Waldkatze und die direkte, nahe Begegnung mit einer kleinen Gruppe sonst so scheuer Rotwildhirsche, trösteten mich darüber hinweg. 

 

Mein Herz klopfte bis zum Hals, der Schweiß rann mir über meine Stirn die Augen hinunter. 

Meine Waden schmerzten. Die letzte Serpentine. 

Gleich habe ich es geschafft, dachte ich. Nur noch ein paar Meter. 

Und vielleicht, mit etwas Glück, kann ich von oben die andere Bergkette erkennen und sogar hinunter aufs Tal blicken.

 

Plötzlich dann, hinter der letzten Biegung, war er schließlich da, dieser überwältigende, atemberaubende Ausblick tief bis ins weit unten gelegene Tal hinab ! 

 

Ewige Weite. Nur die Natur und ich. Und sonst nichts.

 

Ich stellte mich auf einen Felsvorsprung, ganz fest standen meine Füße auf dem Boden, eng verwurzelt mit dem Berg, den ich während meines Aufstiegs etwas kennenlernen durfte. 

Für ein paar Sekunden schloss ich die Augen und atmete tief ein... und aus; ganz tief.

 

 

Als ich sie schließlich wieder öffnete, trat allmählich die Sonne hinter der kleinen Bergkette hervor und schickte ihre hellen, wärmenden Strahlen ins dunkle Tal hinab.

Ein Bussard glitt lautlos durch die Lüfte, auf der Suche nach Nahrung.

 

Es war alles ein Wunder.

 

Ich wusste nicht mehr wie lange ich dort oben stand und auf das Tal hinunterblickte, tief ergriffen und glücklich. 

Die Zeit, sie stand still, die Welt hörte auf sich zu drehen, so schien es mir jedenfalls, und die ganzen bedrohlich anmutenden Probleme meines Alltags kamen mir mit einem Male so lächerlich und nichtig vor, angesichts dieses einen, einzigen, nicht greifbaren und vergänglichen Moments, der mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen war.

Die Natur und ich - wir waren eins. [....]" 

 

 

 

6. Quellen:

 

- http://www.wanderforschung.de/files/naturentfremdung

- http://www.scharf-links.de/

- http://www.natursoziologie.de/

- http://www.natursoziologie.de/NS/natur/naturentfremdung.html

- Jung, N. 2009: Ganzheitlichkeit in der Umweltbildung:

  Interdisziplinäre Konzeptualisierung. In: Brodowski,M. et al.:

  Informelles Lernen und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

  Opladen

- Dr. biol. Hum. Martin Schwiersch, aus Heft 03-2014 von „Bergauf“ 

- http://www.polten-wanderwelten.de/

- http://www.philopraxis-luzern.ch/PDF/Begegnung.pdf

- Martin Buber (1878-1965). Ich und Du (1923). In:

  Das Dialogische Prinzip. Verlag Lambert Schneider: 4. Aufl.

  Heidelberg 1979.